Myasthenia gravis und das Gefühl von Freiheit

WordPress erinnert mich heute daran, dass ich seit 8 Jahren diesen Blog betreibe und wünscht mir weiterhin viel Spaß am Bloggen.

Das ist der Moment, an dem mir auch auffällt, dass ich nun schon 9 Jahre mit der Diagnose Myasthenia gravis lebe. Ist eine verdammt lange Zeit und vieles hat sich verändert, vor allem wohl auch ich mich.

Hätte ich mir vor vielen Jahren vorstellen können, dass ich in einem Rolli mit e-Antrieb sitze? Hätte ich mir vorstellen können, damit Rollitanz in einem Verein zu betreiben? Hätte ich so viele tolle Menschen kennengelernt? Hätte ich all die Bordsteinkanten meiner Umgebung im Kopf? Hätte ich geahnt, dass ich mit einem Handbike die Gegend unsicher machen werde? Hätte ich geglaubt, dass ich dabei sogar meinen Hund mitnehmen werden kann?

 

 

 

 

Mich interessiert sehr, wer von den im Rolli sitzenden Myasthenikern auch ein Handbike nutzt und welche Erfahrungen er/sie damit gemacht hat.

Sitze ich im Handbike, dann fühle ich mich frei. Ich kann selbst entscheiden, wohin ich fahre, wie lange ich on tour gehe, in welcher Geschwindigkeit und ich genieße es, wenn der Fahrtwind unterm Helm durchrauscht. Die längste Tour bin ich voriges Jahr gefahren in Begleitung meines Mannes auf dem Fläming Skate-Radweg, ca. 40 km. Das kann ich nicht jeden Tag wiederholen. Ich habe keinen gefederten Rolli, das bedeutet, jede Unebenheit überträgt sich auf den Rücken 1:1. Und der ist, wie die Beine auch, eine Schwachstelle. Also muss ich bei jeder Tour sehr aufmerksam fahren, um Erschütterungen zu vermeiden.

Die größte Schwierigkeit am Anfang war es, das Handbike an den mit der dazugehörigen Kupplung versehenen Rolli selbst anzukuppeln. Dazu benötige ich viel Kraft und die fehlt mir ab und zu. Ich fahre hauptsächlich in den frühen Morgenstunden, da gelingt mir das ganz gut. Denn nur das Ankuppeln wäre ja noch einfach, aber dann muss ich mich auch noch ausheben, damit der Ständer des Handbikes und die kleinen Laufräder des Rollis in der Luft sind und bei der Fahrt kein Hindernis darstellen.

Ich bin so froh, dass die Arme nicht betroffen sind und ich diese Fortbewegungsart genießen kann. Möglich sind dadurch Besuche bei der Hausärztin, in der Apotheke, auf der Post und kleine Besorgungen in der Bäckerei, Fleischerei und im örtlichen Supermarkt.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich andere Speedyfahrer aus unserem MG-Verein melden. Vielleicht kann man ja einmal  im Jahr eine gemeinsam Ausfahrt an schönen Flecken in Deutschland organisieren? Mein größter Traum ist es, wenn sich unter uns ein paar positiv Verrückte finden, die gemeinsam dem Winter in Spanien/Portugal am Meer trotzen und dort die Wege abradeln.

 

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Reha geht zu Ende

In nicht einmal 24 Stunden werde ich in unserem Caddy neben meinem Mann sitzen und nach Hause fahren.

Das Therapieheft ist ausgefüllt, unterschrieben und abgegeben. Die Arztbriefe habe ich in Empfang genommen und das Therapiezubehör (Laken, Badehandtuch und Sporthandtuch) zurückgegeben.

Ich liege auf dem Bett, die Atemmaschine läuft in gleichmäßigem Rythmus. Was haben mir die drei Wochen gebracht? Ich lasse alles Revue passieren und ziehe folgendes Fazit.

Die labortechnischen Untersuchungen haben ergeben, dass die Lunge nicht von Keimen/Bakterien besiedelt ist. Puhhh… bin ich froh, nach der Lungenentzündung Anfang des Jahres war das Ergebnis nicht so zu erwarten. Der Blutdruck ist im Normbereich und es sind keine Entzündungswerte im Blut festgestellt. Na besser konnte es nicht sein. Zusätzlich noch ein super gutes EKG.

Die Ernährungsberatung hier hat mir viele wertvolle Tipps gegeben. Das hat dazu geführt, dass ich in den drei Wochen vier kg abgenommen habe. Auch das hatte ich bei der Abschlussmessung gar nicht erwartet.

Die Einzel- und Gruppentherapien haben dazu beigetragen, dass ich aktiver auf meine Haltung im Rolli achte, dass die Rückenmuskulatur gestärkt und die gesamte Oberkörpermuskulatur gekräftigt wurde. Zusammen mit der weichen unbelasteten Luft hier oben in Mecklenburg-Vorpommern macht es mir das Atmen leichter.

Nicht zuletzt wurde mein Wunsch war, einmal an die Ostsee zu fahren.

Einzig schlecht waren hier oben nur die Temperaturen, kaum mal über 20 Grad Celsius und der ewige Regen. Vier Tage schönes Wetter hatten wir auch mal, aber immer an den Tagen, die bis zum Abendbrot voll gefüllt waren mit Therapiestunden.

Ich bin vielen Menschen begegnet, habe von vielen Schicksalen erfahren. Manche tragen dies mit Würde und erhobenen Hauptes. Einige sind unzufrieden, unglücklich, verbittert und ihnen ist oft der Blick verstellt auf das Schöne.

Ich habe die Ruhe in dieser Rehaklinik und die Freundlichkeit des Personals sehr genossen und ich hoffe, dass diese drei Wochen mich gestärkt haben für den kommenden Winter.

 

 

Reha 2017 – Rehaklinik „Garder See“ – Tag 1

Meine Herausforderungen für den Tag 1:Das ist zu schaffen, dazwischen liegen noch Frühstück und Mittagessen.

13:30 Uhr bin ich mit einigen Zwischenstopps an der Beatmungsmaschine mit meinem Programm durch. Uns wurde heute Regenwetter vorausgesagt, aber nach 14:00 Uhr scheint die Sonne so verlockend, dass ich Helm und Handschuhe anziehe und mein Handbike vor den Rolli. Ich ziehe eine Jacke an, merke aber auf der Fahrt, dass ich sie nicht gebraucht hätte. Ich fahre nach Altenhagen, die Strecke ist gut aber hügelig.

Hier habe ich für einen neuen Tag Alternativen in verschiedene Richtungen. Dann fahre ich wieder zurück und in die andere Richtung nach Garden.Überrascht stehe ich bald vor dem Campingplatz und am Ufer des Sees.Ich ruhe mich eine Weile aus, schaue auf den See und atme tief ein, so tief es geht. Diese Luft ist einfach wunderbar. Ich möchte gern nocht tiefer in den Ort, aber der Weg wandelt sich zu einem Sandweg und mit Vorderantrieb auf drei Rädern bleibe ich stecken und muss umdrehen. Ich fahre zur Klinik zurück und nehme noch den Rundweg um die Klinik mit. Am Ende sind es 12 km, die ich heute fahren konnte. Inzwischen ging ein kurzer Gewitterguss nieder und ich freue mich, dass ich vorher noch die kleine Tour gemacht habe.

 

Warten auf Frühling

Das Jahr 2017 lässt mich in Bezug auf Freude und schöne Dinge bis jetzt arg im Stich. Habe ich den komplette Januar mit einer fiesen Grippe gekämpft und darum, nicht in ein Krankenhaus zu müssen, die Plasmapherese zu verhindern und die Mobilität nicht zu sehr einzubüßen, kam der Februar mit den täglichen Hindernissen daher. Noch körperlich sehr eingeschränkt, gebe ich die Karten für Holiday on Ice zurück. Die Ansteckungsgefahr für mich ist zu hoch. Ich muss Menschenmengen meiden. Verkrieche mich zu Hause, komme nicht unter Menschen. Arzt, Krankenschwester, Therapeuten, alle finden den Weg zu mir. Der eisige Winter, Schnee, Ostwind, kalte Minus zehn Grad Celsius, alles Gift für Wackelbeine und kranke Bronchien. Und der Schnee, vor einer knappen Woche erst abgetaut, verhindert zusätzlich eventuelle Fahrten mit dem Handbike. Das Jahr 2017 hat mich und meinen Mann noch nicht tanzen gesehen, die Fahrt hin und zurück, ich würde es nicht ohne Atemprobleme schaffen. Noch nicht.

Und als ob das nicht schon genug ist, kommen noch Probleme mit der Haussatellitenanlage dazu. Wir haben eine Quadroanlage und ein Strang oder ein Gerät ist defekt. Wir kommen nicht dahinter, es betrifft die Leitung oder das Gerät der Schwiemu. Extrem ärgerlich, wir haben drei Etagen, die ich nicht bewältigen kann. Mein Mann ist beruflich so stark eingespannt, dass er sich nicht drum kümmern kann. Der Techniker kann aber erst kommen, wenn mein Mann zu Hause ist. Also hat Schwiemu schon ein paar Tage kein TV. Nerv.

Ich habe einen Tisch mit schwere Glasplatte bestellt, der Tisch kam mit riesengroßer Verspätung, die Glasplatte sah dann beim Auspacken so aus:

dsc_0014_1Ich war extrem angefressen und der Verkäufer gab sich alle Mühe, eine neue Glasplatte aus Hamburg zu senden. Diese blieb dann aus unerklärlichen Gründen eine Woche in München hängen. Hä? Muss ich nicht verstehen. Gestern kam nun eine komplette Glasplatte an. Nach 6 Wochen!

Die Anzahl der Stunden, die ich täglich an der Beatmungsmaschine verbringe, ist auf über zehn hochgeschnellt. Ich versuche, diese Abhängigkeit zu vermeiden. Allein, es gelingt mir nicht.

Der Winter ist echt hart für Muskelkranke, habe ich eben wieder festgestellt. Wenn ich eine Chance hätte, dann würde ich die vier bis fünf Monate gern in einer kleinen Wohnung, ebenerdig, gern auch mit Mitbewohnern am Mittelmeer ausharren.

Wer macht mit?

Da ich da gar Niemanden kenne, wird das wohl ein Wunschtraum bleiben. Und ich muss die Geduld haben, auf die Sonne, die Wärme und den Frühling zu warten.

Allen, denen es ähnlich geht. Es wird!

Die Tage werden heller, der Schnee ist weggetaut, die Schneeglöckchen sind da, die Winterlinge tun sich im Dauerfrostboden noch etwas schwer.

Kommt gut durch diese Zeit!

 

 

Pendel von Huka

Von einem meiner Lieblingsmenschen bin ich auf diese Art, sich cool und flott fortzubewegen, aufmerksam gemacht worden. Danke an Susann.:-)

Immer wieder bin ich erstaunt, wie kreativ die Menschen sind, das Leben mit und im Rolli angenehm und sinnvoll zu gestalten.

Der Preis ist enorm, gebraucht schon über 5000 €. Aber ich denke darüber nach, eisern zu sparen, um so ein Teil zu erwerben. Damit kann ich dann vielleicht mein Fernweh befriedigen und ich bin mobiler.

Gestöbert habe ich auf der niederländischen Seite:

http://roll-on.nl/gebruikt/specials/pendel-rolstoelscooter/productdetail/huka-pendel-fd/302

 

Handbiken an der Nordsee

2. Mai 2015

Die Sonne brennt, die Luft erwärmt sich etwas über 12 Grad Celsius.

Wir entscheiden uns für eine weitere Radtour. 🙂

Mein Zähler zeigt:

322 km = Beginn

359 km = Ende

Wow! Das waren heute 37 km! Da geht noch was!

Handbike-Tour , die dritte.
Handbike-Tour , die dritte.

In Dornum finden wir dieses Schloss, dass als Schule genutzt wird.

Handbiken in Dornum

Tyson in Dornum

Mich fasziniert während der Fahrt nach Nesse, vor Dornum, diese Allee von Bäumen, hinter der sich eine Windmühle versteckt.

Nessner Windmühle

Das Radstreckennetz ist gut ausgebaut, die km-Angaben stimmen, auf die kann sich der Radler/Handbiker zuverlässig verlassen. Schwieriger wird es da schon, wenn man ein Bedürfnis verspürt. Alle angefahrenen kleinen Tankstellen glänzen mit Abwesenheit von Toiletten, wir steuern deshalb Gaststätten an. Müssen aber immer wieder entweder einen Tee, Kaffee oder etwas anderes Kleines mitnehmen. Quasi als Benutzungsgebühr.

Wir genießen die Sonne, ich im Rolli, mein Mann liegend auf einer Zuschauertribühne.

Radler im Trance

Wir haben Glück mit dem Wetter, tanken richtig Sonne, Kraft und nehmen die gute Meeresluft mit allen Zipfeln unserer Lungen in uns auf.

Ich fühle mich gut, so gut wie lange nicht mehr. 🙂

 

Radwanderwege an der Nordsee

9 Tage Urlaub! Wie sehr freue ich mich drauf. Gemeinsam mit meinem Mann und unserem Hund die Tage genießen, bei tollen Menschen in einer kleinen Ferienwohnung, die alles bietet, um sich wohl zufühlen. Aber das Beste ist das kulinarische Verwöhnprogramm unserer Gastgeber, die selber gelernte Köche sind und uns jeden Abend ein köstliches Festmahl kredenzen.

Urlaub in Theener (Hagermarsch)

Mhmm. Lecker, jeden Abend und mit viel Liebe gemacht.

Wir haben alles in unseren Caddy verfrachtet, und, das könnt Ihr gern glauben, das war eine logistische Meisterleistung meines Mannes.

In unser Auto passten:

1 Herrenfahrrad 28 er

1 Rollstuhl, nicht zusammenklappbar

1 Handbike Speedy Vorsatz

1 Hundeanhänger, klappbar,

unsere Taschen und natürlich

noch genug Platz für den Hund.

Nach unserer doch etwas hügeligen Landschaft zu Hause, die der Handbikerin manch Schweißtropfen auf die Stirn zaubert, besteht die Herausforderung hier an der Nordseeküste im Meistern der steifen Brise. Gegenwind lässt dich kurbeln, ohne dass du je denkst, vom Fleck zu kommen und du hast das Gefühl, dass die Wege bergauf führen. Was ja Quatsch ist, da die Deiche sicher alle auf der gleichen Höhe sind. Rückenwind lässt dich alle Anstrengungen vergessen und du bist mit doppelter Geschwindigkeit und nur halben Kraftaufwand am Ziel.

Der erste Tag führt uns nach Dornumersiel.

Immer an den Deichen entlang
Immer an den Deichen entlang

Die Luft schmeckt leicht salzig, der Raps blüht zur Rechten, der Bauer bestellt sein Feld, zur Linken grasen viele Schafe, Muttertiere mit Lämmchen und schauen uns beim Radeln zu. Eine Ruhe und Gelassenheit, zum Verlieben! Noch ist nicht Hochsaison.

Am zweiten Tag wollen wir nach Norddeich, da wir vorhatten, auf die Insel Norderney zu fahren.

Wir erreichen unser Ziel.

Fahrt zum Fährhafen Norddeich
Fahrt zum Fährhafen Norddeich

Wir sind beide von den Menschenmassen überfordert, finden die Insel auf den zweiten Blick mit ihren Hochhäusern nicht mehr attraktiv und entscheiden uns um.

Den dritten Tag fahren wir mit dem Auto nach Bensersiel, und setzen mit der Fähre nach Langeoog über.

Mir als Rollifahrerin gefällt die sehr übersichtliche Ausschilderung für uns. Breite Auf- und Abfahrten für Rollifahrer ins Fährgebäude und hinaus, behindertengerechte sehr saubere Toiletten (man muss nur den Euroschlüssel dabei haben), auf der Fähre extra breite Stellflächen für uns Rollifahrer (da kann sich die Bahn ein Beispiel nehmen!), und selbst die Inselbahn, welche uns dann ab Fährhafen Langeoog bis ins Zentrum der Insel fährt, bietet ihren Rollifahrern zwei extra Waggons an,deutlich gekennzeichnet in roter Farbe und der Bahnsteig enthält auch alle Hinweise.

Langeoog Inselbahn für Rollifahrer

Ich bin begeistert und freue mich, dass ich so barrierefrei unterwegs sein kann.

Ein Eldorado für mich, meinen Mann und unseren Hund!

 

 

 

Mit dem Rollstuhl unterwegs auf Korsika

Ich bin in Gedanken immer mal auf Reisen, sehe mit Leidenschaft Sendungen, die mir Land, Leute und ihre Geschichte vorstellen. Inzwischen hat sich meine Sichtweise auf’s Reisen sehr verändert. Mit Handicap gibt es so vieles, was zu planen, zu beachten, vorausschauend zu organisieren ist.
Als just vor kurzem eine tolle Reportage über die „Schöne“ Korsika lief, waren mein Mann und ich uns sofort einig, das sei auch noch ein Ziel, das sich lohnt, zu erobern!
Und wie es immer ist, fällt mir doch im Web ausgerechnet dieser tolle Reisebericht buchstäblich vor die Füße. Vielen Dank an Timo Hermann!
Korsika

 

 

 

 

Reisebericht von Timo Hermann

Als “Île de Beauté“, zu deutsch “Insel der Schönheit”, wird die Mittelmeer-Insel Korsika im Französischen bezeichnet. Und das nicht ohne Grund: die starken Kontraste zwischen karibikartigen Stränden am Meer und dem sich im Hintergrund auftürmenden Gebirge, der Duft der “Maquis” und das typisch französische “savoir-vivre” (obgleich Sie niemals einen Korsen als Franzosen bezeichnen sollten!) machen Korsika einzigartig.

Doch wie gut ist Korsika eigentlich für Urlauber mit Rollstuhl geeignet? Ein Reisebericht, der einen zweiwöchigen Korsika-Aufenthalt (auch) aus Rollstuhlfahrer-Sicht beleuchtet.

Korsika – ein wenig Landeskunde

Die Insel liegt nördlich von Sardinien im Mittelmeer und fällt jenen, die auf dem Seeweg anreisen, schon sehr bald auf: einerseits durch das beeindruckende Bergmassiv im Landesinneren, das mit dem Monte Cinto als höchstem Berg mehr als 2.700 Meter hoch aus dem Meer ragt.

Die krassen landschaftlichen Kontraste haben auch die Wahl unserer Region auf Korsika beeinflusst. Die felsige, von Klippen geprägte und wildromantische Küste im Westen Korsikas ist für Rollstuhlfahrer sicherlich anstrengender zu erkunden, weshalb wir uns für die etwas flachere Ostküste am “Extrème Sud”, der südlichsten Region vis-à-vis von Sardinien, rund um Porto-Vecchio und Bonifacio entschieden haben.

Barrierefreiheit auf Korsika

Schon seit langem gibt es in Frankreich ein Gesetz, das von Staat und Kommunen die Schaffung von zugänglichen öffentlichen Einrichtungen verlangt (“Loi Handicap”). Inklusion ist in Frankreich ein zentrales Thema und wird aktiv vorangetrieben, von der geplanten Umsetzung bis 2015 dürfte aber selbst das Festland noch einige Zeit entfernt sein.

Korsika ist davon noch deutlich weiter entfernt: wer mit dem Rollstuhl auf Korsika Urlaub machen möchte, muss Improvisationstalent mitbringen – und das auch wollen. Die Bemühungen der Kommunen und der Verwaltung, sukzessive Barrieren abzubauen, sind klar erkennbar, aber bisher nur stellenweise wirklich gut umgesetzt. Angesichts der Struktur der Insel, der Natur und der teils uralten Städte und Dörfer werden hier auch die Planer vor große Herausforderungen gestellt, die nicht über Nacht umgesetzt werden können.

Ankunft am Flughafen Bastia

Am Flughafen Bastia sollten Rollstuhlfahrer keinerlei Probleme haben: Servicepersonal für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ist hier ebenso selbstverständlich verfügbar wie nötige Hilfsmittel für den Transfer. Das Terminal ist ohnehin winzig, und auch die Mietwagen-Parkhäuser sind mühelos erreichbar. Eine Bahn fährt quer über die Insel und verfügt inzwischen sogar über rollstuhlgerechte Züge, während uns kein rollstuhlgerechter Überlandbus aufgefallen ist – einzig in einzelnen Städten mag es Linienbusse geben, die für Rollstuhlfahrer nutzbar sind. Als größere Hindernisse haben sich bei unserem Aufenthalt zwei Punkte herauskristallisiert: Gehwege und Toiletten.

Erstere sind je nach Region in einem erbarmungswürdigen Zustand und enden gerne auch in sogenannten Bordsteinfallen, also vor hohen Bordsteinen ohne Schräge. Hin und wieder werden auch Laternen in die Mitte des Gehwegs gebaut oder Bäume an selbige Stelle geplanzt, und wenn all das nicht der Fall ist, kann es schon passieren, dass ein frustrierter Autofahrer die (oft langwierige) Suche nach einem Parkplatz aufgegeben und sein Gefährt mitten auf dem Gehweg abgestellt hat. Umwege sind hier für Rollstuhlfahrer keine Seltenheit.

Und a propos Parken: Korsika verfügt in einigen Regionen über eine großzügige Anzahl an Parkplätzen für Rollstuhlfahrer – doch wie schon auf dem Festland staunten wir auch hier, wie viele Menschen offenbar über die nötige Parkberechtigung verfügen. Da fährt schon dann und wann ein recht jung und dynamisch wirkender Fahrer vor, legt den Ausweis in die Windschutzscheibe und hüpft vergnügt über die kurze Parkplatzsuche voller Elan von dannen. Apropos: der blaue Parkausweis für Schwerbehinderte (europäisches Modell), der in Deutschland ausgestellt wird, besitzt auch in Frankreich Gültigkeit. Allerdings berechtigt er nicht zum Parken im Halteverbot und befreit auch nicht von eventuellen Parkgebühren.

Toiletten sind ein weiteres durchwachsenes Kapitel. Lokale mit rollstuhlgerechten Toiletten sind uns nicht begegnet, öffentliche Toiletten rar. In Ajaccio hielten wir es für eine gute Idee, die Rollstuhl-Toilette im Kreuzfahrt-Terminal zu nutzen – schließlich dürfte uns hier doch eine annehmbare Umgebung erwarten. Selten erfolgte auf so hohe Erwartungen eine so herbe Enttäuschung: eine Beschreibung des hygienischen Zustands dieser “Toilette” mag ich Ihnen, werter Leser, nicht zumuten, doch schon die rein baulichen Mängel waren kaum aufzuzählen. Kurzum, dieses Örtchen möchte man nicht einmal seinem ärgsten Feind zumuten.

Das Fährterminal von Bastia hingegen, um wieder etwas versöhnlich zu werden, konnte mit einer durchaus akzeptablen Toilette aufwarten. Grundsätzlich seien jedem Leser an dieser Stelle Desinfektionstücher, eine Wäscheklammer und ein wenig akrobatische Fähigkeiten ans Herz gelegt, möchte er sich denn auf das Abenteuer öffentlicher Toiletten auf Korsika einlassen.

Korsische Städte am “Extrème Sud”

Porto-Vecchio

Porto-Vecchio (korsisch Porti Vechju) ist eine alte Hafenstadt und stellt die drittgrößte Stadt der Insel dar. Die touristischen Zentren lassen sich grob in die Haute Ville, also die auf dem Berg gelegene Oberstadt, sowie in den Hafenbereich unterteilen. Die Gegend um den Hafen wartet mit zahlreichen Restaurants, Bistros und Cafés auf und ist für Rollstuhlfahrer recht gut nutzbar.

Der Weg in die Haute Ville mit ihren unzähligen Restaurants, Geschäften und Sehenswürdigkeiten wie dem Genuesertor, der Kirche, dem Rathaus oder der alten Festung (Bastion) ist extrem steil und mit dem Rollstuhl kaum zu bewältigen. Besser direkt mit dem Auto in die Oberstadt fahren und dort einen Parkplatz suchen.

Tipp: an Sonntagen findet morgens rund um das Rathaus ein Wochenmarkt statt, auf dem regionale Erzeuger korsische Produkte und Spezialitäten wie den berühmten korsischen Schinken (Lonzu), luftgetrocknete Salami (Figatellu), Obst, Gemüse, Liköre (Liqueur de Myrthe oder Liqueur de Citron!) und vieles mehr zum Probieren und Kaufen anbieten.

Restaurant-Tipp: “U Corsu” am Fährhafen – leider kein rollstuhlgerechtes WC, aber voll zugänglich, ein Rollstuhl-Parkplatz direkt vor dem Haus, freundlicher Service und leckere korsische Spezialitäten. (Details bei Wheelmap.org)

Weingut-Tipp: Die “Domaine de Torraccia” liegt nur 20 Fahrminuten entfernt in Lecci. Ein wenig abgelegen findet sich dort ein riesiges Weingut, das auf ökologischen Anbau setzt. Im Gebäude selbst ist zwar nur das Erdgeschoss zugänglich. Dafür ist das Personal völlig entspannt im Umgang mit Rollstuhlfahrern, improvisiert einfach und schafft es so, problemlos den gesamten Herstellungsprozess der (im Übrigen sehr empfehlenswerten!) Weine zu erklären. Im Anschluss gibt es noch eine Weinverkostung und die Möglichkeit, die eine oder andere Flasche für den Abend oder die Lieben zu Hause zu erwerben. (Details bei Wheelmap.org)

Bonifacio

Bonifacio (korsisch Bunifaziu) liegt am südlichsten Zipfel von Korsika. Bonifacio lässt sich ähnlich gliedern wie Porto-Vecchio: es gibt den Hafen am Fuß der Kreidefelsen, der für Rollstuhlfahrer extrem gut ausgebaut ist. Die Bemühungen der Verwaltung sind hier von allen uns bisher bekannten korsischen Orten am deutlichsten erkennbar.

Dann gibt es die Oberstadt innerhalb der Festung – und die ist für Rollstuhlfahrer naturgemäß entgegen dem Hafen durchaus als abenteuerlich zu bezeichnen. Sie zu erkunden, bleiben lediglich zwei Möglichkeiten: mit dem Auto nach oben und von dort aus losmarschieren, oder mit einem der Ausflugsbähnchen, die am Hafen mit ihrer Tour starten, nach oben fahren. Hier ist es erforderlich, dass Rollstuhlfahrer in die Bahn einsteigen können und auf einem normalen Sitz Platz nehmen, denn die Wagen verfügen wie fast überall über keine eigenen Rollstuhl-Stellplätze.

Die Strapazen lohnen sich allerdings allemal: der Blick von der Festung aus über das Meer (bei klarem Wetter bis nach Sardinien!) ist atemberaubend, ebenso wie die Impressionen der Kreidefelsen entlang des langgezogenen Küstenstrichs. Auch der Friedhof mit seinen vielen Mausoleen, die den Toten eine letzte Ruhestätte mit schier unglaublichem Ausblick bietet, sollten Sie sich nicht entgehen lassen.

Die Oberstadt selbst ist im Gegensatz zu Porto-Vecchio leider relativ steil. Zwar ist der Weg durch die Oberstadt von Bonifacio mit dem Rollstuhl recht kräftezehrend sowohl für den Rollstuhlfahrer als auch für seine Begleiter und längst nicht alles zugänglich, der Baustil und die vielen Aussichtspunkte lohnen aber in jedem Fall.

Im Hafen wurden wir auch fündig auf der Suche nach einem Ausflugsboot, das uns mitnimmt. Mehrere Routen sind dort möglich, wobei die Ausflüge zu den kleinen Inseln vor der Küste nur bedingt Sinn machen, weil Rollstuhlfahrer dort bestenfalls aussteigen können. Die Küstenroute ist hingegen problemlos möglich und bietet bei 30-45 Minuten Fahrzeit atemberaubende Schönheiten wie Grotten mit lila Wasser, das durch losgelöste Sedimente gefärbt wurde, zauberhafte Buchten inmitten der Kreideschluchten und vieles mehr.
Tipp: Der Kapitän der GINA5, einem Glasboden-Boot der Reederei Gina Croisières, war extrem bemüht, half beim Überfahren vom Anleger auf das Boot und sorgte für einen Platz mit Blick auf den Meeresboden. Die Eindrücke der Fahrt werden wohl ewig hängenbleiben…

Berge

Die korsischen Gebirgszüge gehören zu den markantesten Merkmalen der Insel: wer beispielsweise von Porto-Vecchio aus mit dem Auto Richtung Zonza startet, findet sich binnen 90 Minuten auf knapp 1.000 Höhenmetern am Lac de L’Ospédale wieder, einem Stausee und Trinkwasserreservoir. Flachland-Tiroler werden schon nach 30 Minuten Fahrzeit Druck auf den Ohren bekommen (Kaugummi im Handgepäck macht für derlei Touren also absolut Sinn!). Wer glaubt, dass es das war, irrt: Vom Lac de L’Ospédale geht es erst einmal wieder abwärts, einige hundert Höhenmeter tiefer beginnt dann der nächste Anstieg bis ins malerische Bergdörfchen Zonza. Nach über zwei Stunden Fahrzeit wurden so also etliche hundert Höhenmeter bewältigt – aber nicht einmal 20 Kilometer Luftlinie von Porto-Vecchio aus.

Strände

Auch Korsika hat inzwischen einige Rollstuhl-zugängliche Strände. Dabei sollte beachtet werden, dass dies nur für die Hauptsaison von Juli bis Anfang September gilt, davor und danach gibt es weder Servicepersonal noch Einrichtungen. Selbst Matten und Stege über die Strände werden in der Nebensaison abgebaut – sowohl um Diebstahl und Vandalismus zu verhindern, als auch wegen eines noch viel wichtigeren Grundes: im Herbst und Winter hat das Mittelmeer nichts von dem friedlichen Bademeer, das die meisten Urlauber kennen. Gewaltige Stürme peitschen die Wellen bis weit aufs Land und nehmen alles mit ins Meer, was nicht niet- und nagelfest ist. Ende September können Urlauber so sogar dabei zusehen, wie plötzlich ein Bootsanleger vom Strand am Tau eines Bootes auf die Reise in den nächsten Bootsschuppen geht, um dort zu überwintern. Es ist also kein Unwillen der korsischen Kommunen, Rollstuhlfahrern nach der Saison noch Service und Infrastruktur zu bieten, sondern schlicht der Kampf gegen die Naturgewalten, um die Infrastruktur auch im kommenden Jahr wieder wohlbehalten anbieten zu können.

Mehr Infos

Noch mehr Informationen und Tipps für den Alltag im Rollstuhl sowie viele schöne Reiseberichte gibt es auf der Plattform Mobilista.eu

Der Reisebericht wurde zur Verfügung gestellt von Timo Hermann

Sachsen – Klatsch – Bitte weitersagen!

Ich bin noch immer geflasht von der Übersetzung des XIV. Kapitels von Clete.

Mir gibt die Arbeit mit seinem Buch, die Übersetzung und die Reflektion auf mein eigenes Handicap und die Deckungsgleichheit seiner mit meinen Erfahrungen eine Menge Energie.

Und heute Nacht, wieder einmal schlaflos wach liegend, habe ich es so bedauert, diesen Clete nicht persönlich gekannt zu haben. Gern hätte ich ihn fest umarmt und mich für dieses tolle Buch bedankt. Und für die Art, wie er die Dinge imLeben sieht, nimmt und versucht, den anderen Menschen damit zu helfen. Uneigennützig und bedingungslos.

Das Stilmittel, welches er dafür wählt, ist faszinierend. E führt eine Unterhaltung, tief religiös, wie Clete ist, mit Gott und dem Berg Mount St. Helen. Der Berg, der ihm die Gipfelbesteigung verweigerte, der Berg, der ihm im Gespräch deutlich macht, es ist nicht der Gipfel, nein der Weg, der ihm zum Ziel führen wird.

Wie immer, viel Spaß mit diesem außerordentlich anderen Kapitel der Geschichte von Clete.