Myasthenia gravis und das Gefühl von Freiheit

WordPress erinnert mich heute daran, dass ich seit 8 Jahren diesen Blog betreibe und wünscht mir weiterhin viel Spaß am Bloggen.

Das ist der Moment, an dem mir auch auffällt, dass ich nun schon 9 Jahre mit der Diagnose Myasthenia gravis lebe. Ist eine verdammt lange Zeit und vieles hat sich verändert, vor allem wohl auch ich mich.

Hätte ich mir vor vielen Jahren vorstellen können, dass ich in einem Rolli mit e-Antrieb sitze? Hätte ich mir vorstellen können, damit Rollitanz in einem Verein zu betreiben? Hätte ich so viele tolle Menschen kennengelernt? Hätte ich all die Bordsteinkanten meiner Umgebung im Kopf? Hätte ich geahnt, dass ich mit einem Handbike die Gegend unsicher machen werde? Hätte ich geglaubt, dass ich dabei sogar meinen Hund mitnehmen werden kann?

 

 

 

 

Mich interessiert sehr, wer von den im Rolli sitzenden Myasthenikern auch ein Handbike nutzt und welche Erfahrungen er/sie damit gemacht hat.

Sitze ich im Handbike, dann fühle ich mich frei. Ich kann selbst entscheiden, wohin ich fahre, wie lange ich on tour gehe, in welcher Geschwindigkeit und ich genieße es, wenn der Fahrtwind unterm Helm durchrauscht. Die längste Tour bin ich voriges Jahr gefahren in Begleitung meines Mannes auf dem Fläming Skate-Radweg, ca. 40 km. Das kann ich nicht jeden Tag wiederholen. Ich habe keinen gefederten Rolli, das bedeutet, jede Unebenheit überträgt sich auf den Rücken 1:1. Und der ist, wie die Beine auch, eine Schwachstelle. Also muss ich bei jeder Tour sehr aufmerksam fahren, um Erschütterungen zu vermeiden.

Die größte Schwierigkeit am Anfang war es, das Handbike an den mit der dazugehörigen Kupplung versehenen Rolli selbst anzukuppeln. Dazu benötige ich viel Kraft und die fehlt mir ab und zu. Ich fahre hauptsächlich in den frühen Morgenstunden, da gelingt mir das ganz gut. Denn nur das Ankuppeln wäre ja noch einfach, aber dann muss ich mich auch noch ausheben, damit der Ständer des Handbikes und die kleinen Laufräder des Rollis in der Luft sind und bei der Fahrt kein Hindernis darstellen.

Ich bin so froh, dass die Arme nicht betroffen sind und ich diese Fortbewegungsart genießen kann. Möglich sind dadurch Besuche bei der Hausärztin, in der Apotheke, auf der Post und kleine Besorgungen in der Bäckerei, Fleischerei und im örtlichen Supermarkt.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich andere Speedyfahrer aus unserem MG-Verein melden. Vielleicht kann man ja einmal  im Jahr eine gemeinsam Ausfahrt an schönen Flecken in Deutschland organisieren? Mein größter Traum ist es, wenn sich unter uns ein paar positiv Verrückte finden, die gemeinsam dem Winter in Spanien/Portugal am Meer trotzen und dort die Wege abradeln.

 

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Myasthenia gravis und Zahnarzt

Nachdem die Reha mich auf Vordermann gebracht hat, begannen am Samstag heftige Zahnschmerzen. Bis Montag war mir klar, der Backenzahn ist nicht mehr zu retten. Inständig flehte ich zu allen Mächten, dass mein Zahnarzt keinen Urlaub macht. Und ich hatte Glück. Gestern war der Termin und der Backenzahn wurde gezogen. Ich hatte vorsorglich schon zweimal Paracetomol 500 genommen.

Dabei hatte ich: meinen Mann, meinen Rolli, mein Atemgerät und den Leitfaden der DMG. Vorab hatte ich meinem Arzt per mail ein paar Seiten der zu vermeidenden Medis zugesandt. Er entschied sich fur eine mini Anästhesie in den Oberkiefer am Rand zum Zahn. Es war aushaltbar. Der neue Praxisstuhl hatte eine sehr stabile Armlehne, mit der linken Hand konnte ich mich dort festhalten. Die rechte Hand klemmte ich unter den Po. Unterm Kopf hatte ich ein Kopfkissen, die Schwester fixierte meinen Kopf und meine Atemmaschine stand einsatzbereit neben mir. Das eigentliche Zahn ziehen ging schnell. Genauso schnell ließ die Anästhesie nach und die Schmerzen waren nicht von schlechten Eltern. Oi joi joi. Ich saß noch ca. eine halbe Stunde mit Schnuffi und hatte wacklige Beine. Und der Kopf konnte sich schlecht halten. Aber ich habe es nach Hause geschafft. Gekühlt habe ich mit einem Waschlappen und kaltem Wasser. Ich weiß, dass ich Kühlakkus nicht vertrage. Nach einer suboptimalen Nacht waren die Schmerzen weg, ich habe mich mit Kamillentee und Babynahrung über den Tag gerettet. Ich konnte schon Kaffee trinken, mit einer weichen Zahnbürste putzen und habe mit Chlorhexamed gespült.

Das MTX lasse ich nach Absprache mit meiner Neurologin am Samstag weg, damit die Wunde heilen kann. Ich kann nur hoffen, dass alles gut geht und die MG nicht rachsüchtig wird. Drückt mir die Daumen.

Reha geht zu Ende

In nicht einmal 24 Stunden werde ich in unserem Caddy neben meinem Mann sitzen und nach Hause fahren.

Das Therapieheft ist ausgefüllt, unterschrieben und abgegeben. Die Arztbriefe habe ich in Empfang genommen und das Therapiezubehör (Laken, Badehandtuch und Sporthandtuch) zurückgegeben.

Ich liege auf dem Bett, die Atemmaschine läuft in gleichmäßigem Rythmus. Was haben mir die drei Wochen gebracht? Ich lasse alles Revue passieren und ziehe folgendes Fazit.

Die labortechnischen Untersuchungen haben ergeben, dass die Lunge nicht von Keimen/Bakterien besiedelt ist. Puhhh… bin ich froh, nach der Lungenentzündung Anfang des Jahres war das Ergebnis nicht so zu erwarten. Der Blutdruck ist im Normbereich und es sind keine Entzündungswerte im Blut festgestellt. Na besser konnte es nicht sein. Zusätzlich noch ein super gutes EKG.

Die Ernährungsberatung hier hat mir viele wertvolle Tipps gegeben. Das hat dazu geführt, dass ich in den drei Wochen vier kg abgenommen habe. Auch das hatte ich bei der Abschlussmessung gar nicht erwartet.

Die Einzel- und Gruppentherapien haben dazu beigetragen, dass ich aktiver auf meine Haltung im Rolli achte, dass die Rückenmuskulatur gestärkt und die gesamte Oberkörpermuskulatur gekräftigt wurde. Zusammen mit der weichen unbelasteten Luft hier oben in Mecklenburg-Vorpommern macht es mir das Atmen leichter.

Nicht zuletzt wurde mein Wunsch war, einmal an die Ostsee zu fahren.

Einzig schlecht waren hier oben nur die Temperaturen, kaum mal über 20 Grad Celsius und der ewige Regen. Vier Tage schönes Wetter hatten wir auch mal, aber immer an den Tagen, die bis zum Abendbrot voll gefüllt waren mit Therapiestunden.

Ich bin vielen Menschen begegnet, habe von vielen Schicksalen erfahren. Manche tragen dies mit Würde und erhobenen Hauptes. Einige sind unzufrieden, unglücklich, verbittert und ihnen ist oft der Blick verstellt auf das Schöne.

Ich habe die Ruhe in dieser Rehaklinik und die Freundlichkeit des Personals sehr genossen und ich hoffe, dass diese drei Wochen mich gestärkt haben für den kommenden Winter.

 

 

Rehaklinik „Garder See“ – Regen, Regen und kein Ende…..

Na gut, mache ich halt das Beste draus. Schreib ich erst mal schnell den Blog weiter. In der Klinik sind viele neue Gesichter und eine Menge vertraute Gesichter inzwischen abgereist. Der ständige Wechsel, jeden Tag reisen Patienten ab und auch an, macht sich auch in den verschiedenen Gruppen bemerkbar. Ob das die Krankengmnastik oder die Hockergymnastik ist. Immer wieder neue Gesichter und auch immer wieder andere Therapeuten. Langweilig wird das nicht.

Gestern vormittag verwöhnte uns die Julisonne noch etwas mit ihrer Anwesenheit, deshalb gelang es mir, auch mal die Klinik von außen zu fotografieren und das flache Gelände darum. Es ist ein guter Wander-/Radweg um die Klinik angelegt, so ca.1,3 km lang.

Rundweg um die Klinik

Hinter dem Schilf verbirgt sich der See, an den komme ich als Rollifahrerin ganz schlecht ran. Ich bin bis Garden an den Campingplatz geradelt und habe dort den Zugang zum See.

Auf den Rasen kann man liegen, im Liegesessel fletzen, im Gartenstuhl sitzen oder einfach rundherum laufen bzw. fahren. Überall stehen Bänke zum Ausruhen oder Verweilen.

Wer Ruhe sucht oder mag, dazu gesunde Luft, die immer ein wenig nach Kiefernadeln und Sand riecht, zu schätzen weiß, dem wird es hier gut gefallen. Inzwischen habe ich auch gemerkt, dass sich Lohmen im Landkreis befindet, der die wenigsten Radwege hat. Na gut, dann sind es eben wenige km die ich fahre, keine großen Strecken.

Aber nach Dobbertin zum Kloster habe ich es einmal geschafft. Leider war es sehr bewölkt, als ich an dem See ankam. Aber das Orstschild habe ich noch fotografieren könne. 🙂

Rechts nach unten führt die Straße zur Konditorei „Kentzler“, die wirklich gutes, schmackhaftes Eis anbieten.

Mir gefallen die Backsteinhäuser, ich betrachte gern alte Häuser.

Nun beginne ich schon die Tage zu zählen, irgendwie hat mich, sehr unerwartet für mich, das Heimweh gepackt.

Rehaklinik „Garder See“ – Tag 14

Nun sind zwei Wochen um, das Wetter ist für den Juli einfach eine mittlere Katastrophe. Kaum 20 Grad, wenig Sonne, und immer wieder Schauer, Platzregen und Niesel. Und es soll noch so bleiben. Also die letzte Woche noch das Beste draus machen. Das wird mein Motto. Ich wollte so gern noch einmal ein paar schöne Außenaufnahmen machen, aber das Wetter gibt es einfach nicht her. Also habe ich es mit ein paar Innenaufnahmen probiert.

Rollizimmer
Eingangsbereich
Badezimmer

Ich bin zufrieden mit dem Zimmer, es ist nicht zu vergleichen mit zu Hause, aber es ist praktisch. Ich habe alles, was ich brauche und das ist mir genug.

Ich zeige noch den langen Wartebereich, hier finden wahre Völkerwanderungen statt, wenn die Behandlungen anstehen. Ein lustiges „Moin,Moin, He, da bist du ja!, Wo muss ich hin?“, Oh,nicht schon wieder! oder Bin ich hier richtig?“ begleitet die Wartezeit jedesmal.

Wartebereich zu den Behandlungen

Die Wege sind weit für Gehbehinderte und Eingeschränkte in der Beweglichkeit oder Atmung und dienen sicher zur Stärkung. Manche Patienten verlaufen sich und sind verwirrt, manche sind gelassen und strahlen viel Ruhe aus. Die Gänge sind breit genug, damit sich mein Rolli neben einem Rollator durchwursteln kann.

Spaß macht vielen die „Muckibude“. Hier ein Blick hinein:

Muckibude

Ganz links ist mein Gerät, die Armkubel. Hier ist immer was los, die „Muskel-Junkies“ nutzen jede freie Minute. Die Patienten, die müssen, schwitzen und wer Lust hat und es gesundheitlich verträgt, geht anschließend in die Sauna.

Sauna

Die Klinik verfügt über ein Schwimmbad, dass außerhalb der Therapiezeiten von allen genutzt werden kann und von den mitgereisten Kindern über alles geliebt ist. Hier sind einige Mütter und Väter mit ihren Sprösslingen, es gibt eine Kinderbetreuung in einem Kindergarten am Vormittag und einen Spielplatz.

An den Wochenenden fahren viele Patienten nach Hause, weil sie aus der Nähe sind oder andere bekommen Besuch mit Kind und Kegel. Das Haus bietet Zustellbetten und die Gäste können gemeinsam essen.

Nun habe ich noch eine Woche vor mir, eine Verlängerung ist nicht besprochen wurden, die Rollzimmer sind beliebt und auf lange Zeit ausgebucht. Ich freue mich darauf, wenn es wieder nach Hause geht. Irgendwie habe ich hier auch ein wenig Heimweh bekommen.

Aber die Luft und die Behandlungen tun gut und ich werde die Woche noch sehr genießen.

 

Rehaklinik „Garder See“ – Tag 7

Der Sonntag beginnt so, wie er der Samstag aufgehört hat. Das Wetter wird nicht mein bester Freund.

Ich benötige morgens Hife beim Anziehen der Kompressionstrümpfe. Die Schwester kommt und bietet sich an, mir beim Duschen zu helfen, heute wäre der Tag, wo das möglich sei. Ich bin hocherfreut, dass es die Möglichkeit gibt! Ich bin nicht erfreut darüber, dass ich dies tun soll in der schwächsten Phase meines Tages. Die Retardtabletten geben am Ende der Zeit nicht mehr die notwendige Menge Pyridostigminbromid ab. Diser Wirkstoff gehört zur Substanzgruppe der Cholinesterasehemmer. Wirkstoffe dieser Substanzgruppe hemmen den Abbau von Acetylcholin, einem natürlichen Überträgerstoff von Nervenimpulsen auf die Muskulatur. Dadurch wird die Wirkung von Acetylcholin verstärkt, was eine Aktivierung der Muskulatur sowie eine Leistungsverbesserung im Falle von krankhafter Muskelschwäche bewirkt. Wenn ich in dieser Phase dusche, geht mir für den Vormittag des Tages 100 % ig die Kraft und die Luft aus. Ich kann die Schwester überreden, dies in die Mittagsstunden zu verlegen, in die Hochzeit der Wirkung der Tablette, die ich alle 8 Stunden einnehmen muss. Und ich muss es ihr nicht umständlich erklären, sie nimmt es hin. Auch egal, was sie von mir denkt.

Ich nutze jede Zeit und Kraft die ich habe, um mein Speedy auszuführen, welches einen guten Platz direkt vor meinem Zimmer bekommen hat.

Parkplatz Speedy

Praktisch in der Nähe der Steckdose, so dass ich es ohne große Umstände selber laden kann.

Dreimal bin ich inzwischen „ausgeritten“. Zunehmend haben meine Mitpatienten sich an die verrückte Frau gewöhnt, werden mutig und fragen.

Mein Revier

Die mit kleinen roten Punkten markierten Wege habe ich erkundet. Manchmal bin ich im Sand stecken geblieben, musste mich „freischaufeln“ und umkehren, manchmal konnte ich die Wiesenwege nicht befahren, weil ich keinen gefederten Rolli habe und ich mit meinem Rücken nicht spaßen möchte. Es macht einen Riesenspaß, die Gegend mit dem Speedy zu erkunden, herauszufinden, wo die Hindernisse, wo die hohen Bordsteinkanten sind und wie man ganz nah an die Seen herankommt. Bis jetzt ist mir bei dem bescheidenem Wetter nicht viel gelungen. Aber das wird bestimmt noch.

Reha 2017 – Rehaklinik „Garder See“ – Tag 6

 

Das Wetter verwöhnt uns hier im Norden nicht gerade. Die Wolken hängen tief, ab und zu lugt die Sonne hervor. Die Temperaturen wagen sich kaum über die 20 Grad Grenze. Und immer wieder leichte Schauer. Mitte Juli – und es ist wie Frühherbst. I’am not amused!

Die Hamburger an meinem Tisch sind in der Klinik bekannt. Schon am Morgen am Tisch ein Hallo von allen Seiten, die Hamburger Plaudertasche entpuppt sich als Mister Charming, während seine Frau in seinem Schatten beginnt zu lächeln. Na wenigstens. Ich frühstücke schnell, ich mag es eher ruhiger am Morgen.

Ich hatte im Vorfeld angegeben, dass ich auch Gewicht reduzieren möchte. Die Beratung war gleich am ersten Tag, die Probleme herausgearbeitet, Lösungen dafür angeboten und es fand eine halbe Stunde eine Erklärung zu den verschiedenen aufgebauten Buffetts im großen Speisesaal statt. Erst dachte ich, was soll der Blödsinn? Aber die Köche und Kellner hatten sich sehr wohl etwas dabei gedacht. Mit einer positiven Einstellung zu diesem Thema gesegnet, konnte ich die Details gut abspeichern, weiß jetzt, wo die Nahrungsmittel zu finden sind, die ich meiden muss, obwohl sie ganz genau so aussehen und präsentiert werden, wie die, welche ich zu mir nehmen kann. Casus Knackus hier ist der Fett- und Kohlehydratgehalt.

Ok, ich halte mich eisern an die gemeinsam aufgestellten Regeln und bin gespannt,was es bringt.

Neben dieser wohl durchdachten Ernährungsberatung bietet die Klinik den doch erstaunlich vielen Rauchern eine Entwöhnung an. Das wurde vom Chefarzt auf seiner Eröffnungsveranstaltung ausführlich angesprochen. Ich war selbst erstaunt, wie viele Patienten auf der Pulmologie doch nach wie vor rauchen. Ich fand dieses Angebot beachtlich, zumal die Kosten der Substitution während des Kuraufenthaltes durch die Kostenträger abgedeckt werden. Und Nikotinpflaster scheinen nicht die preiswertesten Artikel zu sein. Das Angebot kam freundlich, ohne erhobenen Zeigefinger. Aber, wie bei Ärzten üblich, mit wissenschaftlicher Begründung und klarer Ansprache, dass Rauchen eine sehr hartnäckige Sucht sei. Warum erwähne ich das hier? Ich habe selbst bis zu meinem 39. Lebensjahr stark geraucht und bin jetzt heilfroh, 14 Jahre Nichtraucherin zu sein.

Am Abend geselle ich mich zu den Musikliebhabern. Eine Pianistin aus Odessa hat einen bunten Strauß romatischer Melodien vorbereitet, die  sie mit Humor und  Nachdenklichem präsentiert. Eine Stunde lang genieße ich die Musik am Flügel, tauche ab in Träume und freue mich, dass der Blumenwalzer von Tschaikowsky dabei ist. Ich erkenne Bach, Schubert, Schumann, Beethoven und die russischen Romatiker: Rachmaninow, Rimski-Korsakow und Glinka.

Die Pianistin ist erfreut, dass ich ihr in russisch danke, wir unterhalten uns kurz in ihrer Heimatsprache, sie ist seit 15 Jahren in Deutschland, hat am Konservatorium in Odessa gelernt und bedankt sich bei mir. Beschwingt fahre ich in mein Zimmer und schlafe gut.

 

Reha 2017 – Rehaklinik „Garder See“ – Tag 5

Die Berliner an meinem Tisch sind nun abgereist, nicht ohne mir die Namen ihrer Wellensittiche, deren Krankheitsgeschichten, deren Albernheiten und Sprachkünste in den schönsten Farben zu beschreiben.

Sie hat nach einer schon sehr schweren OP noch die nächste vor sich, ist eine echte Berlinerin, hat das Herz auf dem rechten Fleck. Sie erträgt die Nörgeleien und Ausfälle ihres ewig unzufriedenen Gatten mit stoischer Ruhe und lässt diesen vor sich hin blubbern, wenn er zum x-ten Male die Küche und den Koch sonstwohin wünscht und aus seiner Zeit in Frankreich viel besseres Essen gewohnt sei. Ich habe meinen Spaß am Frühstücks-, Mittags- und Abendtisch gehabt. Nun weiß ich, welche Automarke sie lieben, dass sie jetzt einen Niegelnagelneuen haben, wieviel PS der hat und dass das Navi mit ihnen spricht. Ich sitze, versuche zu essen und mir geht durch den Sinn, wie Unzufriedenheit hässlich und krank macht und ich bin sehr gespannt, wer dann ihren Platz einnehmen wird.

Die Stühle werden nicht mal kalt und ein Hamburger mit seiner Partnerin, Ende Dreißig, sitzt mir gegenüber. Er eine Plaudertasche vor dem Herrn, sie stumm. Das kann noch interessant werden. Er ist Gast und reist am Sonntag ab.

Ich freunde mich mit einer Frau an, wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Bei einer Tasse Kaffee auf der Terrasse lerne ich ihren Enkel kennen und ihre tragische Geschichte.

Cafè am See

Ihre Tochter ist im Alter meines Kindes, hat diesen 8 -jährigen Jungen und verunglückte so schwer, dass sie seit 6 Jahren vom Halswirbel abwärts gelähmt ist. Ich merke meiner Gesprächspartnerin die Last auf ihren Schultern an, ich kann in ihrem Gesicht die geweinten Tränen förmlich sehen und spüre, wie sich ein Ring um meine Brust zusammenzieht. Lange hat sie ihr Kind selbst gepflegt, aufopfernd, voller Mutterliebe, sich selbst ausbeutend, nicht auf ihre eigenen Kräfte achtend. Nebenbei hat sie ihren Enkel zu sich genommen und zieht ihn auf. Die Tochter kann sie nicht mehr heben – ein Bandscheibenvorfall, die OP am Rücken, kaputte Schultern machen dies unmöglich. Sie lebt allein und ist voller Sorgen und Nöte. Mir sitzt eine sehr freundliche, warmherzige Person gegenüber, die sehr mitfühlend ist. Schnell sind wer „per Du“. Der Junge mit den wunderbar blauen Augen und dichten dunklen Wimpern tobt auf dem Spielplatz, besucht unseren Tisch ab und zu, um von der Torte zu naschen, um eine Sprite zu trinken, um mir von seiner Leidenschaft zu erzählen.

Kinderspielplatz

Von Lokomotiven, Kleinbahnen, Zügen und Fahrplänen. Er weiß, wann welcher Zug von welchem Gleis in seiner Heimatstadt fährt und kennt die Zugnummern. Irgendwie kommt mir das bekannt vor und ehe ich meine Gesprächspartnerin darauf ansprechen kann, erwähnt sie, dass ihr Enkel Asperger Autist ist. Wir verbringen eine schöne Stunde, ich kann gut zuhören und bin so glücklich darüber, dass meine Kinder gesund sind, dass sie selbständig ihr Leben meistern und ein wenig Demut beschleicht mich, weil das Leben so bunt und aber auch hart mit Menschen umspringen kann, die man so sehr liebt.

Wir verabreden uns für den nächsten Tag und ich nehme mir vor, die Sonne heute noch mal aus dem Handbike heraus zu genießen. Nach dem Abendbrot mit der Plaudertasche aus Hamburg und der stillen Partnerin fahre ich ca. 11 km durch Lohmen bis Altenhagen. Die Eigenheime hier oben in MeckPom haben ihren ganz eigenen Charme und viele Vorgärten sind wunderbar gestaltet.

Am Samstag steht nur eine Krankengymnastik auf dem Plan und das auch erst 10:00 Uhr. Ich habe mir eine Radwanderkarte von der Gegend gekauft und habe heute noch vor, eine kleine Rundfahrt für morgen zu suchen.

 

 

Reha 2017 – Rehaklinik „Garder See“ – Tag 1

Meine Herausforderungen für den Tag 1:Das ist zu schaffen, dazwischen liegen noch Frühstück und Mittagessen.

13:30 Uhr bin ich mit einigen Zwischenstopps an der Beatmungsmaschine mit meinem Programm durch. Uns wurde heute Regenwetter vorausgesagt, aber nach 14:00 Uhr scheint die Sonne so verlockend, dass ich Helm und Handschuhe anziehe und mein Handbike vor den Rolli. Ich ziehe eine Jacke an, merke aber auf der Fahrt, dass ich sie nicht gebraucht hätte. Ich fahre nach Altenhagen, die Strecke ist gut aber hügelig.

Hier habe ich für einen neuen Tag Alternativen in verschiedene Richtungen. Dann fahre ich wieder zurück und in die andere Richtung nach Garden.Überrascht stehe ich bald vor dem Campingplatz und am Ufer des Sees.Ich ruhe mich eine Weile aus, schaue auf den See und atme tief ein, so tief es geht. Diese Luft ist einfach wunderbar. Ich möchte gern nocht tiefer in den Ort, aber der Weg wandelt sich zu einem Sandweg und mit Vorderantrieb auf drei Rädern bleibe ich stecken und muss umdrehen. Ich fahre zur Klinik zurück und nehme noch den Rundweg um die Klinik mit. Am Ende sind es 12 km, die ich heute fahren konnte. Inzwischen ging ein kurzer Gewitterguss nieder und ich freue mich, dass ich vorher noch die kleine Tour gemacht habe.

 

Reha 2017 – Rehaklinik „Garder See“ – Anreisetag

Ich bin nach Althagen geradelt und hatte einen Blick auf die Rehaklinik.Nun bin ich wirklich zur Reha! Ich kann es gar nicht richtig glauben. So richtig wahr wird es erst, als sich mein Mann mit einem Kuss verabschiedet, in sein Auto steigt und den laaaangen Weg nach Hause antritt. Fast 400 km eine Strecke. Mit Zwischenstopp in Berlin bei unseren Kindern.

Wir sind 4:00 Uhr morgens los. Ich habe die Woche vorher viel Ruhe genossen, viel geschlafen, alle energiefressende Tätigkeiten vermieden, um die notwendige Kraft für die Anreise zu haben. Wir haben Glück, wir fahren staufrei und sind 8:40 Uhr in der Klinik.

Es dauert, ich bekomme sofort meine Schlüssel, das Zimmer wird noch für mich vorbereitet. In dieser Zeit werden wir ins Cafe begleitet, bekommen einen tollen Kaffee und der Seeblick ist inklusiv.

Als mein Zimmer freigegeben wird, können wir das Gepäck ausladen (mein Mann) – und wir haben eine Menge dabei. Ich habe mein Speedy, den dazugehörigen Außenrolli und meinen nun schon in die Jahre gekommenen e-motion-Rolli mitgenommen. Und natürlich Klamotten, Atemmaschinchen und eine Menge Zubehör. Das alles passt auf einen Gepäckwagen und ich komme mir einen winzigen Augenblick lang vor, als wäre ich auf einem Flughafen und die Gepäckaufgabe beginnt.

Wir bugsieren alles in das Zimmer. Der Speedy wird vor dem Zimmer angeschlossen und geparkt und er erntet viele neugierige Blicke von den Mitpatienten und auch vom Personal. Beide Rolli passen ins Zimmer und ich bin positiv überrascht.

Ich habe eine Balkontür, die ins Freie führt, im Schrank sind Vorrichtungen angebracht, welche es ermöglichen, die Sachen auf dem Bügel besser zu erreichen. Die Toilette wurde mit einer Erhöhung ausgestattet, nur das Bad ist zu klein und ich muss das Waschen/Duschen ohne Rolli schaffen. Das Bett lässt sich automatisch über eine Fernbedienung heben und senken. Die Matratze ist hart und die Bettdecke sehr schwer. Aber das Problem habe ich auch zu Hause. Abends lässt die Kraft so nach, dass es manchmal schier unmöglich ist, die Bettdecke aus eigener Kraft zu bewegen.

Mein Mann packt alles aus und räumt es in die Schränke, ich kann mich inzwischen beatmen und nach der Verabschiedung rolle ich zur Aufnahme. Super nett, interessiert und professionell. Sie nimmt alle notwendigen Maße, hilft mir, da der Rolli nicht durch die Tür passt.

Total überrascht bin ich, als ich zum Mittagessen rolle. Am Eingang werde ich begrüßt, ich treffe meine Essensauswahl für die Woche und man weist mir einen Tisch zu. Auf dem Weg dahin werde ich von einer Kellnerin begleitet, die mich nach meinen Wünschen für Getränk, Salat und Nachspeise fragt und mir alles an den Platz bringt. Das gleiche passiert auch zum Abendbrot.

Am Nachmittag macht die Ärztin der Pulmologie die Aufnahme, sie schaut etwas grimmig, stellt sachlich alle Fragen und klärt mit mir ab, was sie zum Erstellen des Therapieplanes benötigt. Da ich auch hier mit dem Rolli nicht in ihr Zimmer komme, sucht sie mich dazu in meinem Zimmer auf. Noch am Abend ist der Plan zusammengestellt und ich freue mich, dass sie meiner Bitte entsprochen hat, mich am Nachmittag nicht zu voll zu packen, weil ja dann die Kraft enorm schnell nachlässt.

Meinen Tisch teile ich mir mit einem älteren Berliner Ehepaar und die haben starken Redebedarf. Als sie merken, dass ich Berlin gut kenne, ist der Bann gebrochen und ich bekomme eine ganze Lebensgeschichte erzählt.

Als ich wieder in meinem Zimmer bin, beginne ich zu frieren – immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich total platt bin.

Es passiert nicht mehr viel, ich falle buchstäblich ins Bett und schlafe ausgezeichnet, auch wenn ich früh die Härte der Matratze fühle.