Zehn Jahre
Heute wird mir das erst so richtig bewusst. Es war heute vor zehn Jahren, dass meine Hausärztin mich mit dem Verdacht auf MS oder MG auf die neurologische Station einweisen ließ.
Zehn Jahre – Wow!

Warum? Es gab Zeiten, da habe ich nicht mehr daran geglaubt, dass ich 2018 erlebe. Die ersten vier Jahre nach Diagnose MG und Thymektomie haben mein Leben an den Rand des Lebens geführt.
In kurzer Zeit mehrere myasthene Krisen, Verlust von Arbeit, Verlust der Kontrolle über den Körper, Verlust eines intakten Immunsystems, Verlust der Selbständigkeit. Rentenbescheid, immer wieder Aufbäumen und Versuche, zu arbeiten, die wieder in einer Krise enden.
So oft Sheldon-Katheder, so oft Plasmapheresen, so oft Intensivstationen, neurologische Stationen, Lungenfachklinik, Auf und Abs. Langes Suchen und Probieren von Medikamenten, die Unworte: therapieresistent, austherapiert.
Ich lerne off label kennen, streite mich mit meiner Rentenkasse, kämpfe um Rehabilitationskuren, die ich dann auch entweder über Weihnachten/Neujahr im tiefsten verschneiten Winter oder nach 7 Jahren im verregneten kühlen norddeutschen Sommer bekomme. Jedesmal stelle ich fest, ich bin zu jung für das Klientel da und ich bin die Einzige mit dieser seltenen Erkrankung, die ich manchmal ganz genau den Klinikärzten der Kureinrichtungen erläutern muss.
In diesen zehn Jahren fliegen meine Kinder aus, machen ihr Abitur, lernen mehrere Berufe, schließen ein Studium mit Ausgezeichnet ab und stehen in der Hauptstadt auf eigenen Beinen. Sie müssen kämpfen, ich als Mutter falle ja in den ersten Jahren als Unterstützung komplett weg.
Das kann ich dann in den Jahren von 2014 bis heute wieder etwas gut machen, da sich die Myasthenie unter MTX stabilisiert, weniger Auf und Abs, ich habe dazugelernt, mit den Kräften zu haushalten und Infektionen, wenn möglich, aus dem Weg zu gehen.
Zu meinem jetzigen Leben gehören ganz viele Sidekicks, Helfer.
Ich habe drei Rollstühle. Einen Starrrahmen mit Zuggerät für Ausflüge in die Gegend, zum Einkaufen und für holprige unangepasste Wege, meinen ersten alten e-Motion für Ausflüge in Einkaufscenter, Krankenhäuser, Rehaeinrichtungen, Arztpraxen usw. und einen für die Stube, einen „Falter“ Leichtrahmen. Also, wenn man so will 3 Paar „Schuhe“. Kletterschuhe, Turnschuhe und Hausschuhe.
Mein Bett bekam ein elektrischen Rahmen, den ich mit der Fernbedienung verstellen kann, die Stube hat für mich einen Sessel, der mich in den Stand bringt per Bedienung an der Lehne. Jedes WC im Haus hat eine Erhöhung.
Unser Hoftor haben wir erneuert, so dass es elektrisch, per Knopfdruck und Fernbedienung zu öffnen und zu schließen ist. Es kam eine Türöffnungsanlage dazu, und last but not least hilft mir nun ein Aufzug, meine Wohnung aus dem ersten Stock zu verlassen und sie auch wieder zu betreten.
Mein wichtigster Helfer ist wohl die Beatmungsmaschine, die mir seit 2009 immer zur Seite steht und meine Lungenfunktion aufrecht erhält, wenn es meine Muskulatur nicht kann. Dazu gehören Inhalator und Luftbefeuchter, die das Beatmungs-Equipment komplettieren.
Unzählige Apothekenbesuche, Rahmenverträge meiner Krankenkasse, die mit preisgünstigeren Austauschpräperaten die sehr schwer zu findende Medikamenten-Balance einfach mal aushebeln und mich wieder fast in die Krise stürzen. Ich habe gelernt, was Kreuze und Ausrufungszeichen auf einem Rezeptschein zu bedeuten haben.
Weitere Helferlein sind Kompressionsstrümpfe. Lymphdrainage und Krankengymnastik meiner beiden Therapeuten. Komplettiert durch ein Motomed in der Wohnstube, dass mit mir gemeinsam verhindern soll, dass der Muskelabbau unumkehrbar wird.
Ich tue nicht nur dem Körper was Gutes, sondern auch der Seele. Die Therapeutin hilft mir aus den Tiefs und gibt mir einen ganzen Werkzeugkasten an die Hand, mit der Myasthenie alt zu werden.
Ten Years – mein zweiter Hund. Die Tiere haben mich in all der Zeit begleitet. Ich saß von jetzt auf gleich allein in der Wohnung, die Kinder ausgeflogen und der Mann auf Arbeit.
Sie haben mit geholfen, eine Aufgabe zu haben, einen Grund zu haben, das Haus zu verlassen und dass die Welt sich nicht nur um die Myasthenie dreht. Sie brachten mich zum Lachen, zum Schimpfen und zu weiten Rolliwanderungen. Ich habe mit ihnen die Freude an der Natur und an der Selbständigkeit wiederentdeckt. Und sie sind gute Bewacher.
Mich auf den Rollstuhl einlassen, bedeutet, damit unter Menschen fahren, sich nicht zu Hause verkriechen. Gemeinsam mit meinem Mann finden wir 2014 zu den Rollstuhltänzern. Welch ein Gewinn! Ich habe schon immer gern getanzt und ich liebe Musik! Das hatte ich in den ersten Jahren total vergessen! Nun, jeden Freitag Abend drehen wir unsere Runden mit Gleichgesinnten. Mein Mann und ich. Das heißt, Choreographien lernen, den Rollstuhl beherrschen und diesen zum Takt der Musik zu bewegen. Dem Partner über die Füße zu rollen, die falsche Richtung beim Drehen anzugehen, die Choreo auch mal vergessen. Und immer mit Musik, im Team und mit ganz viel Lachen. Darauf freuen wir uns. Auch auf die öffentlichen Auftritte. Es macht Riesen-Spaß, wiedergefundene Lebensfreude anderen zu zeigen.
Wow, wie viel doch in zehn Jahre passt! Mein Lebensbaum hat eine Menge Jahresringe bekommen.
